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Turnip Boy Commits Tax Evasion (Adventure) – Zelda-Formel mit Gemüseheld

Ein Rüben-Junge, der es mit verkrusteten Mafia-Strukturen zu tun bekommt, Kämpfe nach Zelda-Manier bestreitet und bei gelegentlichen Wutanfällen Rechnungen und Briefe zerreißt. Das klingt nicht nur absurd, das ist es auch. Im Test verraten wir, ob hinter all der Situationskomik auch ein gutes Spiel steckt…

© Snoozy Kazoo / Graffiti Games

Herzhaftes Gemüse & süße Früchtchen

 

Der Held ist eine Rübe, der Bürgermeister eine Zwiebel (mit Monokel) und die Schulklasse besteht als Blaubeer- und Erdbeer-Bälgern – das sind nur einige der Protagonisten und Figuren, mit denen man es als Spieler in Turnip Boy Comits Tax Evasion (deutsch: Rüben-Junge begeht Steuerhinterziehung) zu tun bekommt. Klingt lustig und seltsam? Beides richtig. In spielerischer Hinsicht handelt es sich um ein simples Abenteuer nach A Link to the Past-Bauweise, doch inhaltlich schlägt der Titel bewusst über die Stränge: Vordergründig muss der Rüben-Junge als Helfer für den Bürgermeister schuften, weil er bis zum Hals in Steuerschulden steckt – die olle Zwiebel schickt ihn mit Aufträgen quer durch die Spielwelt, gleichzeitig gärt es unter der Oberfläche. Wofür braucht der herrische Stadtfürst das ganze Zeug, welche Rolle spielt Turnips verstorbener Vater und was hat es mit dem schrulligen Zitronenmann auf sich, der scheinbar unbeteiligt herumsteht? Dazu kann man einem Gurken-Schuft bei der Flucht aus seinem Einmachglas helfen, Karotten- und Kirsch-Kinder zu ihren Betreuern zurückbringen oder einem Schüler das Handy holen, das versehentlich in eine Schlucht gefallen ist – natürlich nicht, ohne vorher den PIN-Code zu ändern…

 

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Humor ist natürlich immer Geschmackssache, über die Gespräche im Spiel kann man aber tatsächlich schmunzeln. © 4P/Screenshot

Der Star des Spiels sind seine Figuren – und damit verbunden ihre Kommentare. Während mein Rüben-Junge in den „Dialogen“ stets stumm bleibt, erzählen die anderen Frucht- und Gemüseleute Nützliches, Lustiges und sehr Seltsames. Eine Nudel (!) gar beschimpft und bedroht die eigene Spielfigur aufs Wüsteste: „Du bist so tot, Kid. Ich kann jederzeit und überall sein und dich auf siebenhundert verschiedene Arten töten, und das nur mit meinen bloßen Händen!“ Passend zu soviel Wortklamauk kann man für die Rübe seiner Rübe einige possierliche Hüte sammeln, per Ausweichtaste absichtlich stolpern und auch sonst ein paar ulkige Items nutzen. Mit einer geklauten Gießkanne lässt man Bombenblumen wachsen, die der Turnip Boy wie einst Bomberman von sich wegkickt, um Feinde zu erledigen oder Türen aufzusprengen. Während man Feinde wie Wurm oder Schnecke mit dem Pflanzenschwert oder einer Schaufel erschlägt, eignet sich das Portal-Item für ein paar pfiffige Umgebungsrätsel – dann kommt sogar kurzzeitig ein bisschen Portal-Stimmung in 2D auf.

 

Retro-Zelda

 

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Weil die Zombie-Kartoffel den Rübenjungen auf den Friedhof schickt, muss man sich gegen traurige Gespenster verteidigen. © 4P/Screenshot

Generell erinnern der Pixellook, die Oberwelt mit den Häuschen, die Perspektive und auch die Kampf-Mechanik an das große Top-Down-Action-Adventure meiner Kindheit: The Legend of Zelda: A Link to the Past, oder meinetwegen auch Zelda: Link’s Awakening, für alle jene, die es mit dem Game Boy hielten. Der Turnip Boy haut zu wie Link, mäht Gras wie Link, betritt Häuser und Dungeons wie Link und legt sich im abgeriegelten Bossräumen mit grimmigen Levelwächtern an, wie Link. Das alles ist im Jahr 2021 zwar weder einfallsreich noch sonderlich pfiffig, funktioniert aber durch die Bank ordentlich – schließlich reißt der 1992er SNES-Meilenstein aus spielerischer Sicht heute auch keine Bäume mehr aus. Dass das Rüben-Abenteuer aber viel kürzer und einfacher ausfällt, das muss man den Entwicklern ankreiden – kaum hat man die überschaubar große Spielwelt mit ihren wenigen kleinen Dungeons ein paar Mal durchquert und ein paar Aufträge erledigt, deutet sich schon das Finale an. Nach circa drei Stunden liegt der letzte Boss im Staub – und man hat nicht mehr viel zu tun, außer die bisher nicht gefundenen Hüte aufzutreiben. Praktischerweise lässt das Spiel dies zu, ohne dass man das Abenteuer neu starten muss.

 

Herz-Container machen meinen Gemüsestrolch im Spielverlauf stärker, davon abgesehen gibt es aber keine Rollenspiel-ähnliche Entwicklung und kein Inventar-Management; die Waffe kann man glücklicherweise per Schultertaste während der Kämpfe tauschen, was das Tutorial aber verschweigt. Aufgesammelte Dokumente, z.B. Briefe, Urkunden oder Rechnungen, darf man auf Knopfdruck effektvoll zerreißen – ein kleiner drolliger Akt des Anarchismus, ein Auflehnen des Rübenknaben gegen die Obrigkeit. Eine spielerische Bewandnis hat das jedoch nicht – angesichts des Titels fand ich das etwas enttäuschend.

  1. LeKwas hat geschrieben: 07.06.2021 16:34
    Eine Nudel (!) gar beschimpft und bedroht die eigene Spielfigur aufs Wüsteste: „Du bist so tot, Kid. Ich kann jederzeit und überall sein und dich auf siebenhundert verschiedene Arten töten, und das nur mit meinen bloßen Händen!“
    Das stammt aus einem bekannten Meme, namentlich die Navy Seal Copypasta:
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    Dass der NPC die Form einer Nudel hat, ist wahrscheinlich als Anspielung darauf zu verstehen, dass solche Kommentare meistens von halbstarken Spargeltarzanen stammen, welche vor Wut schnaubend auf ihre Tastatur hämmern oder ins Mikro schreien.
    Ah, danke

  2. Dass der NPC die Form einer Nudel hat, ist wahrscheinlich als Anspielung darauf zu verstehen, dass solche Kommentare meistens von halbstarken Spargeltarzanen stammen, welche vor Wut schnaubend auf ihre Tastatur hämmern oder ins Mikro schreien.
    Ich glaube eher Copypasta = Nudel.

  3. Eine Nudel (!) gar beschimpft und bedroht die eigene Spielfigur aufs Wüsteste: „Du bist so tot, Kid. Ich kann jederzeit und überall sein und dich auf siebenhundert verschiedene Arten töten, und das nur mit meinen bloßen Händen!“
    Das stammt aus einem bekannten Meme, namentlich die Navy Seal Copypasta:
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    Dass der NPC die Form einer Nudel hat, ist wahrscheinlich als Anspielung darauf zu verstehen, dass solche Kommentare meistens von halbstarken Spargeltarzanen stammen, welche vor Wut schnaubend auf ihre Tastatur hämmern oder ins Mikro schreien.

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