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Neuester The Witcher-Release hat mich mit diesen „tödlichen Gefahren“ entsetzt – und begeistert

Lesekompetenz und gute, alte Monsterjagd prallen auf dem Kreuzweg der Raben aufeinander. Der neue The Witcher-Roman des polnischen Tolkiens.

Eine Bildmontage, mit Geralt von Riva aus The Witcher im Bildhintergrund, und einem Witcher-Schriftzug im Bildvordergrund.
© CD Projekt RED, @Rawpixel.com, @Tendofyan, @gunaonedesign, @Brittany - Adobe Stock, 4P.de [M]

Was ist ein Rollenspiel?

Könnt ihr euch noch an euer erstes Monster aus der The Witcher-Saga erinnern? Bei mir was es die Striege, jenes menschenfressende Monstrum aus dem Kurzgeschichtenband Der Letzte Wunsch. Aber denkt bitte nicht, dass es im neuesten The Witcher-Roman Kreuzweg der Raben nur um brüllende, stinkende und grummelige Monstren geht – wenn auch die natürlich nicht zu kurz kommen.

Augenblick mal! Ist das hier noch euer kritisches Spielemagazin 4P, oder doch schon das neue, literarische Quartett? Immerhin ist dieses jüngst von dtv auf den deutschen Buchmarkt geworfene Prequel nicht nur der neueste Teil der Witcher-Saga, in dem sich ein junger Geralt „tödlichen Gefahren“ stellt, wie es im Klappentext heißt.

Nein, dieses sechste Buch aus Andrzej Sapkowskis Fantasy-Erfolgsgeschichte ist eben genau das: 336 Buchseiten – kein Game. Stimmt einerseits. Andererseits kann (und will) ich euch dieses Werk nicht vorenthalten. Also: Plötze gesattelt, Wolfs-Medaillon poliert – und los geht’s …

Urteil: Tod durch den Strick – wegen Zivilcourage

Kurze Offenlegung: Ich bin nicht der Fantasy-Typ. Ja, ich liebe Gothic. Ja, ich habe meinen Herr der Ringe gelesen. Aber wenn es um die Witcher-Saga des polnischen Schriftstellers Andrzej Sapkowski geht, habe ich bisher abgewunken. Zu weitschweifend erzählend ist mir der ganze Fantasy-Tatütata oft. Und auch die immer ähnliche Heldenreise nach Joseph Campbell, von einem (meist männlichen) Helden, der in die Fremde loszieht, um den Drachen zu erschlagen, und das Burgfräulein anzugraben, gingen mir am Popöchen vorbei – ums übertrieben zu sagen.

Achtung: Diese Besprechung des Romans Kreuzweg der Raben kann Spuren von Spoilern beinhalten!

Und jetzt? Tja, jetzt habe ich mit Kreuzweg der Raben schon meinen zweiten The Witcher-Roman gelesen – und kann nur sagen: Ich habe dem Genre fürchterlich Unrecht getan. Aber bleiben wir fürs Erste zwischen den Buchdeckeln, also bei Geralt: Der findet sich zu Beginn dieses Romans nämlich in einer mehr als vertrackten Situation. Genauer gesagt: Vor einem Galgengericht. Was dem Grünschnabel vorgeworfen wird, ist, einen Bauer und dessen Tochter vor Mord und Vergewaltigung gerettet zu haben. Ungeheuerlich, oder? Tja, irgendwie in Notwehr handelnd, tötete unser Geralt also die Angreifer.

Sapkowski jüngst mit Goldmedaille beim polnischen Kulturministerium:

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Dieser Akt der Selbstjustiz gefällt den örtlichen Obrigkeiten kein bisschen und so scheint das Schicksal des blutjungen Hexers voreilig besiegelt. Er wird zum Tode durch den Strick verurteilt. Zum Glück für Geralt, wird er in allerletzte Sekunde von einem gewissen Preston Holt gerettet ein geheimnisvoller Charakter, dessen wahre Motive bis zum Ende des Romans Stück für Stück enthüllt werden. Im Kern entwickelt sich zwischen Geralt und Holt eine Schüler-Lehrer-Beziehung. Die füllt nicht das gesamte Buch aus, gestaltet sich dennoch als erzählerischer Dreh- und Angelpunkt.

Soweit zum narrativen Fundament, auf dem Kreuzweg der Raben steht. Doch hat mir die Lektüre auch Freude bereitet? Ich meine, stilistisch ist Sapkowski eine wohl platzierte Sprachexplosion, in Stellung gebracht von nach vorne gerichteten Handlungsbögen der Spannungsliteratur. Eine Mixtur, die aus gutem Grund auch Fans von Netflix-Serie und CD Projekts Rollenspielen gefallen dürfte.

Von der Pfanne ins Feuer – und von Monster zu Monster

Wer an der Streaming-Serie zu The Witcher Vergnügen hat, oder von CD Projekts Rollenspielen nicht genug bekommen kann, bisher aber wie vor kurzem auch ich die Buchvorlagen verpasst hat, wird vieles davon wiederentdecken, was den Hexer und seine Abenteuer so einzigartig macht. Schließlich liest sich ein Teil der Romanhandlung fast schon episodisch, wenn Geralt durch die Fantasy-Welt streift, sich von einem Ungeheuer zum nächsten schnetzelt, die eine oder andere bestialische Bedrohung für die Bewohner*innen dieser Fantasy-Welt plattmacht.

Die neue Personalie Liam Hemsworth von Staffel 4 bleibt Diskussionsstoff:

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Dabei schimmert beim Hexer für mich immer ein Teil Sherlock Holmes durch schließlich ist er ein Typ, der mit seinem Fachwissen beim Bezwingen von Monstren seinem Umfeld haushoch überlegen ist. Kenner*innen der Reihe werden jetzt nicken, wirkt Geralt in späteren Jahren schließlich eher abgeklärt und sowieso abgebrüht, aber diese jüngere Ausgabe ist noch idealistisch, unerfahren und, ja, teils sogar naiv. Und während dem Ermittler aus der Baker Street sowas wie Wertschätzung entgegenschlägt, muss sich Geralt aufgrund seiner Hexer-Herkunft wiederholt mit Vorurteilen und Voreingenommenheit seiner Person gegenüber herumschlagen.

Bestes Beispiel findet sich in einer frühen Buchstelle, worin Geralt einer Bettlerin Geld hinwirft – und dafür von seinem Quasi-Ziehvater Holt getadelt wird. Nach Meinung des Älteren würde der Hexer-Grünschnabel hier Opfer einer Trickbetrügerei. Siehe: Geralt ist in dieser Vorgeschichte noch etwas unbeholfen, was die Fallstricke dieses Landes Kaedwen angeht. Jedoch der wahre Genuss an Kreuzweg der Raben steckt für mich im Detail, im sprachlichen.

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